ICH WOLLTE EINEN TEXT SCHREIBEN

Am 6. Mai durfte ich im Aura Kunstraum exklusiv zwei Kapitel aus meinem aktuellen Buchprojekt zum Thema “Momlife” lesen. Die Lesung war sehr schön und ich bin bestärkt, das Buch zügig fertig zu schreiben. Neben den Kapiteln habe ich auch einen seperaten Text mit dem Titel ICH WOLLTE EINEN TEXT SCHREIBEN verfasst, den ich hier gerne mit euch teile.

ICH WOLLTE EINEN TEXT SCHREIBEN

Ich wollte einen Text schreiben für diese Lesung.
Einen nagelneuen, einen brillanten Text.

Einen Text darüber, wie ich eine von den Muttis wurde, die im Park gleichzeitig Kinderwagen-schiebend und das Baby in der Trage tragend ihre Runden drehen und bald jedes Hölzchen und Stöckchen auf dem Weg auswendig kennen.

Einen Text über das Dorf, das es braucht, um ein Kind großzuziehen und darüber, wie beschäftigt dieses Dorf ist, wie es arbeitet und viel zu weit weg angesiedelt ist.

Ich wollte schreiben über das Auseinanderleben von kinderlosen Freundinnen und die sehnsüchtigen Blicke auf die Uhr. „Wie lange noch, bis mein Mann von der Arbeit nach Hause kommt?“

Einen Text über die täglichen WhatsApp-Nachrichten meiner Schwiegermutter – an das Baby adressiert, nicht an mich.

Einen Text übers Vergleichen. Über die Blicke, wenn dein Kind so anders aussieht als du.
Über andere Mütter und den großen Respekt für diejenigen, die das alles 24/7 alleine durchmachen.

Ich wollte über das erste Fieber schreiben, Kotze, Durchfall, Impfungen und Arztbesuche. Über die täglichen Sorgen ums Kind und darüber wie schnell man sich vor lauter Bedürfnisorientierung selbst aus den Augen verlieren kann.

Und natürlich wollte ich schreiben über die Sprüche aus dem Umfeld. Diese unsäglichen Sprüche!

„Leg das Kind zum Schlafen ab! Der muss das lernen!“
„Schreien lassen! Das stärkt die Lungen!“

„Wann kommt denn das Geschwisterchen? Du willst ja wohl kein Einzelkind großziehen!“

„Der setzt ja ganz schön seinen Willen durch! Pass auf, dass der kein kleiner Diktator wird!“

„Wie lange willst du noch stillen? Du weißt schon, dass Frauen vom vielen Stillen Hängebusen bekommen?“

„Euch hat das alles damals auch nicht geschadet!“

Ich wollte darüber schreiben wie es ist, alles anders, alles richtig machen zu wollen.
Über das Verhältnis zu meinem Körper vor und nach der Geburt. Über Schwangerschaftsstreifen, die wiedereinsetzende Periode, Rektusdiastase, Krampfadern und schlaffe Haut.

Einen Text über Schokolade.

Darüber wie ich ein Glas Sekt mit Orangensaft trinke, obwohl ich mein Kind noch stille. Darüber wie ich mich danach sehne auszuschlafen.

Schreiben über das unsägliche schlechte Gewissen.
Hashtag MOMGUILT.
Tag für Tag für Tag für Tag.
Diese ellenlangen Tage.
Und raspelkurzen Nächte.

Einen Text über dieses Himmelhochjauchzend-zu-Tode-betrübt-Gefühl. Über diese süßen Babyfüße, das bezaubernde Lächeln.

Über Baby Blues, Müdigkeit, Wut, Tränen, Erschöpfung, Überforderung, Schuld und Scham. Über Sehnsucht und Schmerz. Die Vereinbarkeit zwischen Kind, Kunst, Karriere.
Einen Text über Me-Time, Intimität und Sex und den Mangel daran.

Einen Text über diese Mutter-Liebe-Mutter-Liebe-Mutter-Liebe-Mutter…Liebe…

Ja, ich wollte einen neuen Text schreiben.

Aber ich lande immer wieder im Bett, das Kind am Busen zur Einschlafbegleitung.
Ich lande auf dem Sofa zum Bilderbücher vorlesen oder Netflix-Schauen in dieser kurzen Zeitspanne am Abend, in der das Kind ohne mich schläft. Ich lande im Supermarkt, in der Krabbelgruppe, beim Brote schmieren oder Windeln wechseln, ich lande auf dem Spielplatz.
Ich will schreiben und lande im Schlafanzug auf dem Fußboden, imitiere das Tuten einer Dampflok und baue Holzgleise aneinander.

„Mama bauen, Mama bauen!,“ ruft mein Sohn.
Und Mama baut.
Tag für Tag für Tag für Tag.
Daran, dass sich Erinnerungen in ihr Herz brennen, die niemals verloren gehen.
Erinnerungen an die Zeit mit dir.
Mein Kind.
Mein geliebtes Kind.
Denn die Tage mit dir sind lang, ja.
Aber die Jahre, die sind kurz.

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