UBERPHOBIE

„Das Wichtigste ist: Du darfst niemandem vertrauen, vor allem keinen Männern!“ Wie in Stein gemeißelt sind mir die Worte meines Vaters seit Jahrzehnten ins Bewusstsein eingebrannt. Trotzdem stecke ich meinen nicht mehr ganz nüchternen Kopf zur hinteren Autotür hinein und frage: „Sind Sie mein Uber-Fahrer?“

Innerlich haue ich mir gegen die Stirn. So dumm von mir. Es ist ein Uhr nachts, die Straße ist menschenleer. Er könnte ein ziemlich übler Typ sein und mir sonst was erzählen, mir sonst was antun. Es sind nicht alle Männer, aber doch immer Männer, oder?

Aber der Typ wirkt korrekt. Er fragt nach meinem Namen und erklärt mir, dass ich zu meiner Sicherheit immer auf das Kennzeichen schauen soll. Außerdem brauche er meinen Namen, damit er keine falschen Leute mitnimmt und die dann wieder zurückfahren muss. Peinlich berührt schiebe ich mich auf die Rückbank und schnalle mich an. Ich bin so eingerostet, was Ausgehen angeht. Und grob fahrlässig dazu. Jetzt einfach Klappe halten und ab nach Hause.

Aber der Fahrer redet weiter.

Er ist selber auf dem Heimweg. Soll glatt werden, es reicht ihm. Das tut er sich nicht an. Er hat um 14 Uhr angefangen, aber drei Stunden Pause gemacht, um Fußball zu gucken. Jetzt ist Feierabend.

Ich habe echt keine Lust auf Smalltalk, aber er redet unbeirrt weiter. Fängt an, mir Fragen zu stellen. Warum ich so weit weg von zu Hause war, zum Beispiel.

Ich habe eine Freundin besucht, lüge ich.

Warum verschweige ich, dass ich bei einem Mann war? Weil man niemandem trauen darf, deswegen. Ich weiß schließlich nicht, wie der Fahrer darauf reagiert, wenn ich hier von einem anderen Mann erzähle, während mein Kind zu Hause bei seinem Papa auf mich wartet. Vielleicht ist der Uber-Fahrer so ein Macho-Typ und wird aggressiv, sieht mich als Schlampe oder so. Habe ich echt keinen Bock drauf. Da erzähle ich lieber was von einem Mädelsabend. Und mein Kind erwähne ich gleich mit. Damit er vorsichtig fährt. Wer will die Mutter eines kleinen Kindes bitte in einen Unfall verwickeln, geschweige denn ihr etwas antun?

„Kinder sind toll“, sagt der Fahrer, und ich sehe sein Lächeln im Rückspiegel. Er erzählt, dass er mit seinen Freunden in einem Mehrfamilienhaus lebt. „Sobald da was frei war bei denen, bin ich direkt da hingezogen. Deren Kinder sind meine Patenkinder, und wenn ich krank bin oder so, dann ist immer jemand da.“

Eine Kommune, denke ich. Eine schöne Vorstellung.

Ich muss daran denken, wie oft ich schon allein in der Bude gehockt habe und jemanden zum Reden oder einfach nur zum Dasein gebraucht hätte. Daran, wie mein Sohn die Wohnung mit Leben gefüllt hat, und wie schwierig es gleichzeitig ist, dass mein Partner und ich auch mal zu zweit ausgehen können. Weil da einfach niemand sonst ist. Weil immer alles erst organisiert, oft sogar bezahlt werden muss. Darum bin ich heute Nacht ja auch allein unterwegs und sitze in diesem Uber.

Immerhin schwindet mein Unbehagen gegenüber der Fahrt allmählich.

„Ein Traum eigentlich“, sage ich. „Mit den engsten Menschen zusammenzuwohnen. So viele Leute sind allein und einsam.“

„Genau!“, ruft der Fahrer. „Das ist es, vor allem hier in Deutschland. Ich bin auch allein, aber so ist dann immer jemand da. Ich bin nicht einsam.“

Ich lasse mich in den Rücksitz sinken und den redseligen Fahrer weiter aus seinem Leben erzählen, während Nieselregen gegen die Scheiben prasselt, Verkehrslichter an uns vorbeiziehen und er mich, sämtliche Verkehrsregeln beachtend, sanft über die Aachener Straße nach Hause kutschiert.

Er war mal Clubmanager in zahlreichen Clubs auf den Ringen. Aber nur, um sich seinen Traum vom Reisen zu erfüllen.

„Wenn du mir Geld gibst, dann verreise ich. Glaub mir, ich war überall auf der Welt!“, prahlt er.

„Überall?“

„Ja, Südostasien, Dubai. Dann war ich in der Karibik, auf allen Inseln. Aruba, Bonaire, Curaçao und auf Barbados! Oh, und Bahia war super. Die haben tolle Strände. In Kuba war es auch toll. Da sind die Leute zwar sehr arm, aber die Kultur und Mentalität sind einfach der Hammer.“

In meinen Gedanken ploppen türkisfarbenes Meer, klischeehafte Kokospalmen und bunte Häuser im strahlenden Sonnenlicht auf. Nicht zu vergleichen mit unseren letzten Sommerferien an der mehr als windigen Nordsee. Die große Reise kommt noch. Irgendwann, wenn das Geld auch wirklich da ist, bestenfalls ein dickes Polster.

„Am liebsten würde ich eine Kreuzfahrt um die ganze Welt machen!“, reißt mich der Fahrer aus meinen Gedanken.

„Die ganze Zeit auf dem Meer?“, frage ich skeptisch.

„Du bist ja nicht nur auf dem Schiff“, erklärt er. „Du steigst aus und siehst einfach alles. Dann steigst du wieder ein und fährst weiter. Und auf dem Schiff gibt es bestes Entertainment.“

Ich erspare mir schnippische Kommentare über die Umweltbelastung von Kreuzfahrtschiffen. Warum diesem Typen seinen Traum madig machen, nur weil ich meinen nicht lebe? Weil ich niemandem traue, mich nicht traue?

„Es gibt nur einen Ort auf der Welt, an den ich nie wieder hin will“, sagt der Fahrer und schüttelt den Kopf.

„Ach, erzähl!“

„Düsseldorf“, sagt er. „Ich hasse Düsseldorf! Ich habe da mal gewohnt und bin krank geworden in dieser Stadt. Ich habe so viel gearbeitet, und dann hatte ich eine Freundin, die mich kaputt gemacht hat. Und einfach der ganze Vibe dieser Stadt. Ich bin da nie angekommen. Wenn mir jemand sagen würde, er zahlt mir 6.000 netto für einen Job, der aber in Düsseldorf wäre, ich würde es nicht machen. Auch Fahrten nach Düsseldorf, da würde ich 70 Euro pro Fahrt bekommen, aber ich nehme die nicht an. Ich fahre nicht mehr in diese Stadt.“

Als Kölnerin, die ihre Geburtsstadt noch nie länger als vier Wochen verlassen hat, muss ich schmunzeln.

„Verschiedene Orte haben unterschiedliche Energien“, bemerke ich. „Das kenne ich. Habe ich selber oft erlebt.“

Wir schweigen eine Weile, während der Wagen fast geräuschlos über den feuchten Asphalt gleitet. Aber irgendwie will ich noch weiterreden.

„Wo auf der Welt war es denn am besten?“, frage ich.

„Vom Strand oder von der Mentalität?“, fragt er zurück.

„Vom Gefühl.“

„Vom Gefühl …“ Er überlegt kurz. „Vom Gefühl her Mexiko. Mexiko, ja, das hatte alles“, schwärmt er, als er in meine Straße einbiegt. „Aber allein es zu machen, ist schon ein gutes Gefühl“, sagt er und kommt vor meiner Haustür zum Stehen. „Man lebt nur einmal, und man muss das Leben nicht einfach leben, sondern erleben.“

Ich nicke, bedanke mich bei ihm für die Fahrt, wir wünschen uns eine gute Nacht. Dann steige ich aus, blicke ihm noch eine Weile nach, bevor ich ihm in der Uber-App ein für meine Verhältnisse hohes Trinkgeld sende.

Vertrauen und erleben, denke ich. Vertrauen und erleben.

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